Immich 3.0: der Google-Fotos-Ersatz, für alle
Warum ich Google Fotos durch selbst gehostetes Immich ersetzt habe, was Version 3.0 bringt und weshalb der ganze Umzug an einer Sache hängt: den Backups.
Der Komfort ist das eigentliche Problem
Ich will seit einer langen Weile schon von den großen Diensten weg, von Google an erster Stelle. Nicht wegen eines einzelnen Skandals, sondern aus einem eher unspektakulären Grund: Ich möchte meine komplette Fotohistorie nicht dauerhaft auf fremden Servern liegen haben, zu fremden Bedingungen, die sich jederzeit ändern können. Das unpraktische daran ist, dass Google Fotos einfach angenehm zu nutzen ist. Es funktioniert, es ist schnell, die Suche findet Dinge. Davon wegzugehen heißt oft in solchen Fällen fast immer, sich freiwillig ein bisschen zu verschlechtern. Genau an dieser Stelle war Immich für mich die Ausnahme, bei der der Wechsel kein Abstieg war.
Kurz eingeordnet: was Immich ist
Immich ist eine selbst gehostete Foto- und Videoverwaltung, 2022 von Alex Tran als Reaktion darauf gestartet, dass Google den kostenlosen unbegrenzten Speicher abgeschafft hatte; inzwischen steht das Projekt unter dem Dach von FUTO. Man betreibt es typischerweise als Docker-Stack auf dem eigenen Server oder NAS, dazu die Companion-Apps für Android und iOS, die die Handy-Fotos automatisch hochladen. Der Anspruch ist ausdrücklich, Google Fotos zu ersetzen und nicht bloß ein stilles Archiv zu sein: Zeitleiste, Alben, Gesichtserkennung, Kartenansicht, Erinnerungen. Für den Datenschutz-Gedanken und die Digital Independence ist ein Detail zusätzlich super: Die gesamte „KI" läuft in einem eigenen Machine-Learning-Container lokal auf der eigenen Hardware, nichts davon geht an einen Cloud-Dienst.
Was 3.0 mitbringt
Version 3.0 ist Anfang Juli 2026 erschienen, und es war das erste Release, das die Immich-Macher über Release Candidates haben reifen lassen, also über offizielle Vorabversionen zum Testen. Die mitgelieferten Breaking Changes betreffen zum größten Teil nur API-Endpunkte und damit Drittanbieter-Tools; für normale Nutzer läuft das Update wie immer, im .env die IMMICH_VERSION von v2 auf v3 setzen und anschließend docker compose pull && docker compose up -d.
Inhaltlich bringt 3.0 unter anderem eine überarbeitete, nicht-destruktive Bildbearbeitung in der Mobile-App, erste Workflows zum Automatisieren von Bibliotheks-Aktionen, Echtzeit-Transcoding für Videos als Vorschaufunktion und OCR direkt in der App. Für diesen Text am wichtigsten sind aber zwei andere Punkte: deutlich zuverlässigere Hintergrund-Backups und neue Integritätsprüfungen. Warum gerade die, wird gleich klar.
Die Funktionen, die ich zu vermissen glaubte
Vor dem Umzug hatte ich genau zwei Sorgen: die Kartenansicht mit den Geodaten und die „schlaue" Suche, bei der man „Strand 2019" eintippt und tatsächlich Strandbilder bekommt. Beides gehört heute zum Standard. Die semantische Suche läuft über den lokalen ML-Container, die Kartenansicht wertet die GPS-Daten aus den Fotos aus. Der Unterschied zu Google ist, dass diese Auswertung auf meiner Maschine passiert und nicht auf einer fremden.
Ehrlicherweise muss ich dazusagen, dass ich diese Spezialfunktionen bei Google vorher nie besonders dringend gebraucht habe. Entsprechend leicht war für mich dann das verzichten auf die Google-Variante, und im Rückblick war meine Angst, etwas zu verlieren, größer als der tatsächliche Verlust. Wer sein halbes Leben dagegen um geteilte Erinnerungen und ausgefeilte Suchfunktionen herum organisiert hat, sollte sich diese Frage ehrlicher stellen als ich es musste.
Der eigentliche Test: es aus der Hand geben
Ob etwas ein echter Google-Fotos-Ersatz ist, entscheidet sich nicht daran, ob ich es zum Laufen bekomme. Es entscheidet sich in dem Fall meiner Ansicht nach eher daran, ob ich es Leuten geben kann, die sich für die darunterliegende Technik nicht interessieren. Inzwischen laden ein paar Freunde ihre Bilder auf meiner Instanz hoch, jeder mit eigenem Account. Das Aufsetzen des Servers braucht ein gewisses technisches Verständnis, das will ich nicht kleinreden. Die Nutzung selbst ist aber erstaunlich zugänglich: App installieren, anmelden, automatischen Upload einschalten, fertig. Eine kurze Einführung braucht es trotzdem, ein bisschen was muss man erklären, aber es ist kein Werkzeug, das man ausschließlich Technikern zumuten kann.
Genau hier zahlt sich Version 3.0 aus. Der automatische Hintergrund-Upload auf dem Handy war lange die wackeligste Stelle, gerade unter Android, wo vorher praktisch nur neue Aufnahmen zuverlässig gesichert wurden. Mit 3.0 gibt es einen neuen periodischen Task-Scheduler, der die komplette Mediathek im Hintergrund hochlädt und sich besser mit den Energiespar-Mechanismen des Systems verträgt; die App warnt sogar, wenn Akku-Optimierung oder Benachrichtigungseinstellungen den Upload sabotieren könnten. Für Nicht-Techniker ist das der entscheidende Punkt, denn ein Backup, das man von Hand anstoßen muss, ist für diese Zielgruppe schlicht kein Backup.
Die unbequeme Bedingung: Backups
Sobald andere Leute ihre Fotos auf meinem Server liegen haben, ändert sich die Rechnung. Meine eigenen Bilder kann ich im Zweifel verschmerzen, die von Freunden nicht. Deshalb hatte ich Immich zwar selbst schon länger im Einsatz, meine Freunde aber erst spät dazugeholt, nämlich erst dann, als ich mir wirklich sicher war, ihre Bilder nicht durch dumme Rumbastelei zu verlieren. Das ist der Punkt, an dem ehrliche Empfehlung und Marketing auseinandergehen: Immich ersetzt Google Fotos als Oberfläche, aber es ersetzt keine Backup-Strategie.
Verlassen Sie sich nicht darauf, dass die Immich-Instanz selbst schon ein Backup ist. Sie ist zunächst ein einzelner Ort, an dem alles liegt, Datenbank und Originaldateien. Wer nur das hat, hat kein Backup, sondern ein einzelnes Ausfallrisiko mit hübscher Zeitleiste. In der Praxis läuft es auf die bekannte 3-2-1-Regel hinaus: mindestens drei Kopien, auf zwei verschiedenen Medien, davon eine außer Haus.
Version 3.0 hilft an dieser Stelle immerhin mit Integritätsprüfungen. Immich vergleicht nächtlich seine Datenbank mit den Dateien auf der Platte und meldet, wenn etwas fehlt, unbekannt dazugekommen ist oder eine Prüfsumme nicht mehr passt, was auf eine stille Dateibeschädigung hindeutet. Das ist nützlich, ersetzt aber keine externe Sicherung. Es sagt einem nur früh genug, dass man eine gebraucht hätte.
Fazit
Für IT-affine Leute ist Immich aus meiner Sicht der derzeit überzeugendste Weg, Google Fotos zu ersetzen, ohne sich dabei zu verschlechtern. Version 3.0 macht vor allem die Stelle robuster, die im Alltag am meisten zählt, nämlich den zuverlässigen Upload vom Handy. Die einzige Bedingung, die ich niemandem ersparen kann, ist die unbequeme: Bevor man den Dienst anderen anbietet, muss man seine Backups im Griff haben. Hat man das, kann man Immich mit gutem Gewissen weitergeben. Hat man es nicht, betreibt man kein Fotoarchiv, sondern eine Zeitbombe mit schöner Oberfläche.